SICK OF IT ALL

28.5.2000

Interview mit Lou Koller vom 16.5.2000

Ich stellte uns und Stagedive kurz vor und wir begannen gleich mit der Sinnfrage!

Stagedive:
He Lou. Was ist los mit der Hardcore-Scene in Amerika und in New York in speziellen?

Lou:
Big Trouble! Na ja in New York ist es immer noch gut, aber ein bisschen gespalten. Zudem sieht es danach aus, als ob sich die Leute nicht mehr alles mögliche was hardcore zu bieten hat anschauen gehen. Sie sagen sich: „Okay, ich geh nur noch alle Emo-Bands anschauen!” Oder :Ich geh nur noch an Tough-Guy-Band-Konzerte, oder die metallische Richtung (the metallic bands). Früher (In the old days), da gingen wir immer an alle verschiedenen Shows, einfach um Spass zu haben. Irgendwann mal wollten so die Emo-Kids nichts mehr mit der oft sehr gewalttätigen und aggressiven Tough-Guy-Bands Fangemeinde zu tun haben. So kam es das jede Gruppe heute separat steht (so now its all divided, everybody’s separat.) Zu unseren Konzerten kommt immer noch eine gute Mischung von Leuten. Wir sind smart, weil z.B. auf unserer letzten Tour, die wir in den Staaten gemacht haben, waren wir mit AFI, Hot Water Music und Indecision unterwegs: Wir hatten also von drei verschieden Richtungen gute Feger mit dabei.

Stagedive:
Wie stehts mit der Politik?

Lou:
Bands wie uns, ist es natürlich noch stets wichtig, ein Bewusstsein in den Texten spürbar zu machen. Das Emo-Ding jetzt geht mehr in die Pop-Richtung und die Tough-Guy-Music (is just a mere waste of time) reine Zeitverschwendung.

Stagedive:
Was ist das genau, was verstehst du unter Tough-Guy-Music?

Lou:
Ich meine die ganzen Kraftmeier, die sich stets gegenseitig übertreffen wollen in wie stark sie sind und halt auch dieses Gangster-Ding. Das ist aber sehr verschieden und hängt für mich vorallem von den Texten ab. Indesision z.B.: Ihre Musik ist sehr heavy, hard, (its violent). Ihre Texte sind aber sehr Intelligent und das machts aus. Die andere Seite sind Bands in der Tough-Guy-Scene, die singen Gangster-Rap-Texte zu Hardcore, und das macht keinen Sinn! Dafür gibts keinen Platz im Hardcore!

Stagedive:
Ein starker Einfluss von Seiten des Metals ist verspürbar...

Lou:
Ja. An sich ist es immer gut, verschieden neue Klänge in die Scene zu bringen. Die Leute sind aber sehr engstirnig (narrow-minded) geworden, sie mögen nur geraden diese eine Art von Musik. Na gut, früher war ich vielleicht auch ein bisschen so, ich mochte nur den New York-Sound wie Agnostic Front und Cro-Mags. Aber mit der Zeit gefiel mir dann vieles, wie West-Coast Hardcore. Die Leute müssen, glaube ich, einfach nur erwachsener werden (they just have to grow up, i think).

Stagedive:
Lass uns kurz zurückblicken. Eine kurzer Band-Geschichte-Lektion bitte.

Lou:
Wir begannen 1986, und brachten ein Demo-Tape raus. 87 brachten wir auf Revelation-Records eine 7-Inch raus. 89 machten wir unsere erste Album für ein Label namens Ineffect, so ein Indie-Laden. Wir waren, wie schon bei der 7-Inch schockiert über den Zuspruch den wir bekamen. Zuerst dachten wir: „Wir nehmen diese Platte auf und spielen mal im CBGB’s, dann können wir uns ja wieder trennen. Aber wir nahmen das Ding auf und spielten im CBGB’s Headliner. Es gab eine Schlange draussen! Mit der Zeit begannen wir auch ausserhalb von New York zu spielen, in DC, Boston und Philly ua. Wir machten also unser erstes Album und tourten in USA. Wir machten ein Zweites und kamen nach Europa. Es ist grossartig, ständig am wachsen.

Stagedive:
Hattet ihr viele Wechsel im Line-Up?

Lou:
Nein eigentlich nicht. Craig am Bass kam erst 1993 dazu. Vorher waren ich, Pete, Richie und Armand die Band. Dann gab es eine Zeit, ca. ein Jahr, wo Richie und Armand die Band verliessen. Wir ersetzten sie mit zwei anderen Jungs was aber nicht gut kam denn sie passten einfach nicht in die Band. Zu der Zeit wollten die beiden "Ehemaligen" eh wieder in die Band zurückkommen, und taten das dann auch. So hatten wir nie grosse Probleme, die Leute zusammenzukriegen oder zu –halten.

Stagedive:
Ihr habt in der letzten Zeit ganz schön oft in der Schweiz Halt gemacht für ein Konzert. Ist das Zufall oder seid ihr dauernd am touren?

Lou:
Nein, Absicht war das nicht. Wir waren selbst überrascht dass man uns so bald wieder anfragte. Eigentlich sind wir nach Europa gekommen um in Deutschland an der "Flying High Tour", so ein Skate- und Musik-Event, mitzutun. Wir bekamen aber dann Angebote aus Belgien und eben aus der Schweiz und wir sagten uns "okay, das machen wir.". Wir hätten eigentlich auch noch gern Shows in Holland gemacht, das liegt aber nicht drin, weil wir mitten in der Arbeit an unserem neuen Album sind.

Stagedive:
Wann könne wir das fertige Teil erwarten?

Lou:
Wenn wir wie geplant Ende Juli alles im Kasten haben sollte sie eigentlich so im Oktober dann erscheinen. Die Platte wird wieder auf Fat Wreck Chords herauskommen weil wir uns damit sehr wohl fühlen.

Stagedive:
Wir freuen uns. Nun eine Standardfrage: Zähl mir deine fünf Lieblingsplatten auf.

Lou:
Hoo – that’s rough! Ich versuch mal bei Punk und Hardcore zu bleiben...

Stagedive:
Das brauchst du nicht zu tun. Zähl auf was dir einfällt.

Lou:
Na ja, ich hör halt fast nur sowas. Ab und zu höre ich mir Sachen wie Sade (peinlichstes Geständnis bis dato, die Red.) an, aber sehr selten... Also ich fang mal an bei "Victim in Pain" von Agnostic Front, Age of Cold von den Cro-Mags. Alle Platten von Minor Threat. Negative Approach "Tied down" Das ist eine Band aus Detroit und deren Platten sind ziemlich schwierig zu finden, aber es gibt eine CD mit all ihrem Stoff. Das beste was du finden kannst ist eine Kombination ihrer ersten 7inch und dem einzigen Album, "Tied down" eben. Wenn du das hörst, weist du, woher wir und fast die ganzen nyXhc-Bands ihren Stil her haben. Was ich im weiteren allen empfehle sind die ersten vier Bad Brains-Scheiben – they’re fucking amazing.

Stagedive:
Die haben doch letztes Jahr in New York ihr Comeback gegeben. Warst du da?

Lou:
Nein. Das wollte ich mir nicht antun. Ich habe mir die Erinnerung nicht verderben wollen. 1989 tourten wir mit ihnen. Das war wohl die letzte Tour, wo sie noch nicht total durchgeknallt waren (where they weren’t that insane yet). Was sie da boten kann nicht übertroffen werden – nothing can match, they were so amazing! Ich bekam Hühnerhaut an jeder einzelnen Show damals. Nein, die geh ich nicht mehr schauen – das kann nur schlechter sein!

Stagedive:
Als die Bad Brauns sich trennten, wurden die wildesten Stories herumgereicht vonwegen dass die Brüder sich geprügelt hätten etc... Was ist da dran.

Lou:
Ja, das stimmt. Das war wohl so 97 oder 98, da ging H.R. auf seinen Bruder los, hat den Manager verprügelt und dann die Band verlassen. Sie gingen wohl an der eigenen Wichtigkeit zu Grunde. Sie waren dermassen einflussreich, und das nicht nur in der Scene – frag die Jungs von Janes Addiction oder den Red Hot Chili Peppers und auch Living Color wollten immer die Bad Brains sein. Den Bad Brains halte ich besonders zugute, dass sie viele Leute dazu gebracht hatten, ihren Horizont zu erweitern. Meinem Bruder und mir ging das jedenfalls so: Wir hörten dauernd Musik die unbedingt hart und schnell sein musste. Als wir uns dann die erste Scheibe der Bad Brains besorgten war es für uns eher verstörend, dass die Jungs auch Reggae-Sachen auf der Platte hatten. Erst mit der Zeit lernten wir das schätzen und erfuhren so, das auch bei anderen Stilen dieselbe Energie wie beim hc rüberkommen kann. Dank den Bad Brains gingen wir mit offeneren Ohren durch die Welt.

Stagedive:
Das war früher – sprechen wir über die Gegenwart: Heute wird auf allen Pop-Radio- und TV-Sendern ständig irgenwelcher "US-Punk-Rock" gespielt. Hilft oder schadet diese Tatsache Alteingesessenen wie euch?
Lou:
Das ist schwer zu sagen. Vielleicht hilft es eher, da den Leuten Punk präsent ist und sie vielleicht auch mal die eine oder andere Band schauen gehen weil sie damit assoziiert wird. Die andere Seite ist, dass die Leute sich dann unter Punk und Hardcore dieses süsse, glibbrige Zeug (sweet and saffy) wie z.B. von Blink 182 oder Offspring vorstellen, das am Radio gespielt wird. Nichts gegen diese Bands, sie schreiben prima Popsongs und spielen sie dann einfach ein wenig aggressiver als fucking Oasis es tun würde. Wenn du dann aber jemandem erzählst du würdest in einer Hardcore-Band spielen und derjenige fragt dann, ob das soähnlich wie Blink 182 klingen würde, dann ist das doch eher mühsam. Aber es gibt in diesem Publikum bestimmt auch Kids, die bald merken wie verwässert die Musik jener kommerziell erfolgreichen Bands ist. Jene werden sich dann bald auf die Suche machen nach härterem und rauherem und wissen dann immerhin bereits, in welcher Sparte sowas zu finden ist. Das Phänomen an sich ist jedoch ziemlich seltsam. Ich weiss noch als wir Teenagers waren, da wusste man genau wer in der Stadt Punk war, es waren so wenige: mein Bruder und ich, unser erster Drummer und noch vier fünf andere aus unserer Schule. Wenn ich heute an jener Schule vorbeikomm, ich lebe gerader um die Ecke, dann sehe ich hunderte von Kids mit farbigen Haaren und Piercings etc... Wenn du aber dann zuhörst, worüber sie sich unterhalten, dann ist das nicht Punk sondern Techno, Games und ähnliches. Quite wierd.

Stagedive:
Verkommt Hardcore zur Modesache?

Lou:
Nein, das wird vorübergehen. Man konnte das gut beobachten wie es vor etwa 5 Jahren in Europa, besonders in Deutschland lief. Irgendwie wurde Hardcore (speziell nyXhc) plötzlich unheimlich beliebt, und kaum war eine hc-Band aus Amerika, egal wie schlecht, in Europa am Touren, kamen sie gross in der Presse und jeder ging an die Konzerte even if they sucked. Heute ist dieser Trend vorüber, und nur die Bands sind geblieben dies mit Herz machen und auch etwas bieten. Die Leute schauen sich nicht mehr jeden Schrott an.

Stagedive:
Ist es ein grosser Unterschied in Europa zu spielen im Vergleich zu Amerika?

Lou:
In Europa ist halt Hardcore und Punk viel akzeptierter. Gerade die Kids hier fahren mehr darauf ab. In Amerika haben wir eine Fangemeinde die an alle unsere Konzerte kommen. Manchmal sind die Shows kleiner, manchmal größer, das kommt ganz darauf an was die Medien sagen. In Amerika ist es so, das wenn du auf MTV gespielt wirst bist du Gros, und sonst kennt dich kein Schwein. Ich war letzthin beim Zahnarzt und die Arzthelferin fragte, was ich von Beruf sei, ich sagte ich sei Musiker und sie: "wird deine Musik auf MTV gespielt?"-""nein"-"dann hast du wohl kaum Geld!" In Amerika kommt es auch sehr darauf an mit welchen anderen Bands du tourst. Unsere letzte grössere Tour mit AFI, Hot Water Music und Indesicion war enorm erfolgreich, weil diese Bands von veschiedenen Leuten verehrt werden: Wir brachten die nyXhc-Liebhaber, Hot Water Music die Emo-Kids und AFI die Punks an die Shows was eine wirklich coole Mischung ergab. Ich würde gerne mit diesem, oder einem ähnlichen Package in Europa touren. Das macht viel mehr Sinn als wenn z.B. wir spielen und vorher zwei Bands die wie wir tönen oder drei Madball-Clones! Ich mag immer wie weniger wenn vor der Bühne jeder irgendwie gleich ist. Mit einem vernünftigen Package an Bands kann man da einen besseren Mix an Leuten erreichen und das ganze auch wieder ein bisschen zusammenbringen. Mittlerweile gibt es so und so viele Sektionen in der Punk-Scene und die Leute beschränken sich auf jeweils nur eine. Das ist schade und sollte wieder anders werden. Wir stehen nicht alleine mit solchen Ideen, denn letztes Jahr hatten uns Suizide Machine, so ne Ska-Punk-Kapelle, angefragt mit uns zu touren. Wir waren recht überrascht und fragten wie sie auf die Idee kämen. Selbe Antwort: "Uns kotzt langsam an ständig das gleiche Publikum an unseren Shows zu haben".

Stagedive:
Danke für deine interessanten Antworten und dass du dir Zeit genommen hast.

Beim rausgehen hat uns Lou noch gefragt, wie denn unsere URL genau sei, und berichtete uns, dass ihm vorher ein paar Kids unsere Seite bereits gezeigt hätten. Das machte den Abend perfekt, noch bevor SOIA einen Ton gespielt hatten.


By marc brügger & lucas veltman

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